„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ – Achtsamkeitsbasierte

 

1. Warum habe ich diesen Titel gewählt?

Dazu  möchte ich eine Geschichte erzählen. Vor etwa 15 Jahren kam eines Tages eine 81jährige Dame in meine Praxis, um eine Therapie zu beginnen. Sie war die Mutter eines Bekannten, und sie hatte noch nie in ihrem Leben mit Therapie zu tun gehabt. Auch schien sie nicht besonders unglücklich oder krank zu sein. Sie lebte in ihrer eigenen Wohnung, hatte bis vor kurzer Zeit noch Bücher aus dem Portugiesischen ins Deutsche übersetzt und war auch in der Argentinisch – Portugiesischen Community aktiv gewesen. Sie hatte für ihre Übersetzungen das Bundesverdienstkreuz erhalten. Als ich sie nach ihrer Motivation fragte, eine Therapie zu machen, antwortete sie: „Ich möchte mich besser kennenlernen und noch mehr über mich erfahren und besser verstehen, wie alles in meinem Leben zusammenhängt, bevor ich sterbe.“ Diese Antwort verblüffte und überraschte mich zugleich. Ich hatte bis dahin nicht viel mit sehr alten Menschen zu tun gehabt, vor allem nicht als Therapeutin, und mein Altersbild war eher von – teilweise antiquierten und unangemessenen – Stereotypen geprägt.  Die „Reise mit Monika“, wie ich die darauffolgenden 3 Jahre in Anlehnung an einen Buchtitel des von mir sehr verehrten Analytikers Irvin D. Yalom nennen möchte, war für mich eine grosse Lernerfahrung. Ich nahm Monika in einen therapeutischen Prozess auf, der aus Einzel- und Gruppentherapie bestand. Vor allem die Gruppen schienen mir wichtig zu sein, da sie allein lebte und ihre sozialen Kontakte neben ihrer Familie nicht mehr so zahlreich waren. Ich hatte zudem den Eindruck, dass Monika eine grosse Bereicherung für die anderen, zum Teil sehr viel jüngeren Teilnehmer (der jüngste war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt), sein würde. Diese Vermutung bestätigte sich schnell. Monika war von Anbeginn in der Gruppe nicht nur akzeptiert, sie wurde geradezu verehrt, weil sie aufgeschlossen, dennoch häufig kritisch hinterfragend war, alles mitmachte, natürlich entsprechend ihren körperlichen Möglichkeiten. Oftmals brachte sie Gesichtspunkte in den therapeutischen Prozess ein, die sowohl für mich als auch für die Teilnehmer ungewohnt, aber erhellend waren. Ausserdem probierte sie vieles aus, und es waren gerade die Achtsamkeitsmethoden, die sie als besonders bereichernd empfand. Eines Tages kam sie in eine Gruppensituation und sagte: „Ich muss Euch etwas zeigen“, legte sich auf den Fussboden und demonstrierte eine Körperhaltung aus einer tibetischen Achtsamkeitsübung („Die 5 Tibeter“), die sie regelmässig übte und die sie als sehr hilfreich empfand. Auch andere Meditationen erlebte sie als unterstützend, z.B. den Atem beobachten und Atemzüge zählen halfen ihr beim Einschlafen. Ganz wichtig waren auch solche Meditationen, die sie nicht allein, sondern mit anderen machen konnte und die eine gewisse Interaktion und auch körperliche Berührung mit anderen bedeuteten. Ich bin mir bewusst, dass Monika möglicherweise eine Ausnahmeerscheinung ist und nicht als Modellbeispiel für Psychotherapie im hohen Alter gelten kann. Dennoch habe ich sie gewählt, denn ich glaube, dass viele Aspekte Anregungen geben können, welche Achtsamkeitsmethoden gute Wirkungen haben und auch praktikabel sind.

2. Achtsamkeitsmethoden

Was ist Achtsamkeit?  Achtsamkeit ist eine Lebenshaltung, keine Therapie und auch keine Religion. Sie wird definiert als:  Im gegenwärtigen Moment präsent und aufmerksam sein, sich selbst wohlwollend, nicht – wertend und mit Geduld begegnen. Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken mit einer annehmenden Haltung betrachten, ohne sie zu beurteilen oder verändern zu wollen.  Der Arzt Dr. Jon Kabat – Zinn fand Ende der 1970er Jahre am University of Massachusetts Medical Centre heraus, dass Achtsamkeitsmethoden hilfreich für Schmerzpatienten war. Er forschte und entwickelte an seinem Institut Achtsamkeitsmethoden, die sich in unterschiedlichen Lebensbereichen als hilfreich erwiesen. Die MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Techniken sind mittlerweile etablierte Methoden zur Unterstützung in der Therapie von Burnout, Depressionen, Suchterkrankungen, Angsterkrankungen sowie auch bei vielen schweren körperlichen Erkrankungen wie Krebs, und Schmerzerkrankungen.

Im folgenden will ich auf verschiedene Achtsamkeitsmethoden eingehen, die nicht nur bei Monika, sondern auch bei vielen anderen hochaltrigen Klienten eine gute Wirkung haben können.

In meiner eigenen Lebensgeschichte und in meinem Therapieangebot spielen achtsamkeitsbasierte Methoden und Meditation schon immer eine grosse Rolle, da ich diese als sehr hilfreich erlebt habe, um mit emotionalen Erschütterungen, Traumata, schwierigen Lebensumständen, besser umgehen zu können, da sie eine innere Instanz aufbauen und festigen, die ich den „Beobachter“ nenne. Diese Instanz nimmt wahr, ohne zu urteilen, ohne zu bewerten und ohne verändern zu wollen. Sie befindet sich stets im gegenwärtigen Moment, weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Sie beobachtet, was geschieht, Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, und lenkt die Aufmerksamkeit dann immer wieder in den gegenwärtigen Moment und auf das Objekt der Beobachtung, z.B. den Atem, die Bewegung, das Erzählen, das Zuhören, die jeweilige Tätigkeit. Dies bewirkt bei den meisten Menschen das Nachlassen von Grübelneigung, das Sich – Wehren gegen bestimmte, als unangenehm erlebte Situationen aufzugeben, weniger zu leiden und mehr Möglichkeiten des kreativen Umgangs mit einer Situation, z.B. mit Schmerzen zu erlangen. Es fördert mehr Zutrauen in sich und das Leben, grössere Gelassenheit, mehr Vertrauen und vor allem eine erhöhte Fähigkeit, mit den Anforderungen des Lebens mehr im Hier und Jetzt umzugehen. In vielen Fällen können sogar Medikamente reduziert werden. Wer gelernt hat, achtsam mit sich umzugehen, bemerkt häufig auch früher, was los ist und hat somit eher die Möglichkeit, sich gegen alte Gewohnheiten zu entscheiden anstatt automatisch zu reagieren ( Bewusstheit statt Autopilot).

Ich unterscheide zwischen 2 Arten von Achtsamkeitsübungen:

A. Stille Achtsamkeitsübungen

Zu den stillen Achtsamkeitsübungen zähle ich u.a.: Zenmeditation, stilles Sitzen, Mantrameditationen, Vipassameditationen (dazu zählt das Atemzählen), Klangmeditationen, Bodyscan nach Kabat Zinn, alle Meditationsformen, die auf das Sterben vorbereiten. Dankbarkeit „Loving Kindness Meditation”

B. Aktive Achtsamkeitsübungen

Bei den aktiven Achtsamkeitsübungen unterscheide ich zwischen solchen, die allein gemacht werden, zwar oft auch in der Gruppe, aber jeder macht die Übungen für sich, und sozialen Achtsamkeitsübungen, die zusammen mit anderen und mit Interaktionen untereinander stattfinden.

Zu den aktiven Achtsamkeitsübungen, die allein gemacht werden, zählen u.a.: Dynamische Meditation, Kundalini Meditation, Tanzmeditationen, Nadahbrahma, Mantrasingen, Tai Chi, alle Arten von Yoga, Gehmeditationen, sowie alle bewusst und achtsam ausgeführten Alltagstätigkeiten wie essen, sich bewegen, sich kleiden, Körperpflege.

Zu den sozialen Achtsamkeitsübungen gehören u.a.: die Awareness Understanding Meditation (A.U.M.), Gurdieff’sche Tänze, Klangschalenmeditation, Herz Chakra Meditation, bestimmte Formen von Massagen (z.B. Klangschalenmassagen). Ausserdem gehören dazu das Sprechen, erzählen und zuhören und das gemeinsame Schweigen in einem wohlwollenden Kreis von Menschen.

3. Ein Fallbeispiel

Frau M. ist 84 Jahre alt und vor kurzem in eine Seniorenresidenz gezogen. Sie war in ihrem Leben sehr aktiv, hat 6 Kinder gross gezogen und ist ausserdem Schriftstellerin, was sie zutiefst erfüllt. Sie hatte bis dahin in ihrer grossen Altbauwohnung in Berlin allein gewohnt und immer viel Leben um sich gehabt, da ihre 6 Töchter und ihre Enkelkinder oft bei ihr waren. Sie hatte schon immer depressive Phasen in ihrem Leben, die sie auch mal mit Alkohol zu bekämpfen versuchte. Es fällt ihr sehr schwer, sich in der neuen Umgebung einzuleben, und sie zweifelt oft, ob die Entscheidung richtig war, ihre Wohnung und das „alte“ Leben aufzugeben. Sie hat einen grossen Wunsch zu sterben, Suizid kommt aber aus religiösen Gründen für sie nicht in Frage. Da sie Einschlafprobleme hat, suchen wir gemeinsam nach „Hilfsmitteln“. Wir finden heraus, dass sie besser einschläft, wenn sie im Bett liegend ihre Atemzüge beobachtet, so dass sie dieses zu einer regelmässigen Übung macht.

Eine weitere hilfreiche Achtsamkeitsübung ist das tägliche Tagebuchschreiben, da sie sowieso gern schreibt und sie mit dem Tagebuchschreiben das Gefühl hat, alles, was sie belastet, loszulassen.

Eine andere Achtsamkeitsübung ist das dankbare Erinnern an alles in ihrem Leben, was sie erlebt hat. Diese Achtsamkeitsübung ist für sie besonders wichtig, da sie aufgrund ihres Glaubens Undank als Sünde empfindet.

4. Achtsamkeitsübungen bei älteren Menschen – Indikationen und Modifikationen

Welche Achtsamkeitspraktiken eignen sich für Menschen im hohen Alter? Dies ist abhängig von der körperlichen und geistigen Verfassung des Einzelnen. Grundsätzlich können fast alle Achtsamkeitspraktiken modifiziert und der jeweiligen individuellen „Fitness“ angepasst werden. Jedoch scheinen extrem ausdrucksstarke Techniken, die hohe Anforderungen an körperliche, geistige und emotionale Ausdrucksmöglichkeiten stellen, eher nur in Ausnahmefällen geeignet zu sein.

Bei den Klienten, die ich begleite, haben sich die folgenden Achtsamkeitsmethoden als gut anwendbar erwiesen:

  • Atem beobachten, Atem zählen
  • Bodyscan nach Kabat Zinn, auch in vereinfachten Formen
  • Einfache Yogaübungen, die teilweise sogar im Sitzen geübt werden können
  • Stilles Sitzen, Mantra sprechen, summen
  • Erzählen und zuhören in einem Gesprächskreis, mit bestimmten Regeln
  • Tanzen
  • Alle Arten von Berührungen, sanfte Massagen, Klangschalenmassagen
  • Bewusste achtsame Ausführung von Alltagshandlungen, z.B. essen, waschen, kleiden, gehen,
  • Musik hören
  • In der Natur sein, Temperatur spüren, Wind spüren, Geräusche bewusst wahrnehmen, Tiere streicheln
  • Geführte Meditationen unterschiedlicher Art, die sich mit dem Abschied, Dank, Reflektion des Lebens, Tod und Sterbeprozess beschäftigen

In der Begleitung von Menschen in hohem Alter geht es auch darum, sich innerlich einzulassen auf die Tatsache, dass das Leben in absehbarer Zeit endet. Sich diesem Thema zu stellen bedeutet für den Betroffenen wie auch für den Therapeuten eine grosse Herausforderung und oft auch eine grosse Anstrengung. Diese kann nur gemeinsam bewältigt werden. Dabei können Achtsamkeitsübungen sehr hilfreich sein. Dieses Thema zu vermeiden, bedeutet, wie in jeder Therapie, in der Themen vermieden werden, dass Ängste da sind, sich ihm zu stellen. Man kann es nicht erzwingen, denn letztendlich ist das Thema Tod und Sterben für jeden Menschen angstbesetzt, mehr oder weniger bewusst. Was wir aber tun können, ist eine innere Haltung zu entwickeln, die mehr Gelassenheit und nicht wertende Akzeptanz dessen, was ist, so wie es ist, erzeugt. Dies wird durch bewusst geübte Achtsamkeit gefördert. Dabei ist natürlich klar, dass auch der Therapeut eine aktive Achtsamkeitspraxis benötigt, da er den Klienten ohne diese nicht wirklich begleiten kann.

5. Abschließende Bemerkungen

Generell kann ich sagen, dass ich in der Therapie mit Menschen im hohen Alter die Erkenntnis gewonnen habe, dass es für die Klienten oft eine grosse Erleichterung darstellt, zu einer Haltung der inneren Ruhe und Gelassenheit zu kommen, zu erkennen, dass es so wie es ist, angenommen werden darf und es nichts zu tun gibt.

Leider gibt es zu diesem Thema bisher keine mir bekannten wissenschaftlichen Untersuchungen, da wir uns hier auf einem Gebiet befinden, das sich noch in der Erforschungsphase befindet. Ich habe aber die Zuversicht dass Meditation und Achtsamkeit, die mittlerweile in der Therapie immer mehr angewendet werden – dank den Forschungsarbeiten von Jon Kabat – Zinn, – auch in der Therapie mit Menschen im hohen Alter ihren Weg finden.

 

Literatur:

Halifax, J (2012) Im Sterben dem Leben begegnen. Bielefeld (Theseus)

Mitscherlich, M (2010) Die Radikalität des Alters. Frankfurt/Main (S.Fischer)

Yalom, I (2010) In die Sonne schauen. München (btb)

Reddemann, L et al (2013) Imagination als heilsame Kraft im Alter. Stuttgart (Cotta)

Fuchsberger, J (2011) Altwerden ist nichts für Feiglinge. Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus)

Kabat – Zinn, J (2013) Gesund durch Meditation. München (Knaur)

Das Tibetische Totenbuch (2008). München (Arkana)

 

 

 

 

 

 

 

9 thoughts on “„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ – Achtsamkeitsbasierte

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